Ski Individuell

Der Orientierungslauf durch Erz- und angrenzende Gebirge! Seit 34 Jahren existent und dennoch nur Insidern bekannt. Streckenführung und Witterung senken den Skianteil im Extremfall auch einmal auf null; Gruppenbildung der Kandidaten mit ähnlichem Leistungsvermögen reduziert oft die Individualität. Es bleibt der Anspruch an Kondition und Psyche, die Ernsthaftigkeit des Unternehmens.

2017: Von Clausnitz zum Fuß des Pöhlbergs

Seit Jahren Usus sind Start (Bahnhof Clausnitz bei Holzhau) und Ziel (St.-Briccius-Stolln am Pöhlberg) bereits in der Ausschreibung benannt. Ein Blick auf die Karte zeigt sofort, dass die ausgewiesene Distanz von etwa 130 Kilometer nur bei ausschweifenden Umwegen zu realisieren ist. Einen Posten in Kühnhaide meldet der Buschfunk, Bergwacht Oberwiesenthal munkelt der Nächste. Das Nassauer Loipenareal klingt bei diesem Startort plausibel.

Eine erste Vorstellung der Streckenführung zeichnet sich ab.

„Pisseltunnel“ Freiberg, 10.2., 18:30 Uhr

Der offiziell erste Posten. Eine verdreckte, stinkende Unterführung unter den Bahnanlagen. Der Veranstalter lässt eine befreundete Band aufspielen und verhilft dieser zum Besucherrekord. Über 70 Personen erstarren in der Kälte. Es gibt Startbier und erste Informationen zur Strecke.

Nassau ist raus.

Bahnhof Clausnitz, Start, 10.2., 20:09 Uhr

54 Teilnehmer gruppieren sich auf dem Bahnsteig für ein Foto. Etwa zehn Minuten später setzt sich der Tross in Bewegung. Links zur Ortsstraße und diese rechts hinauf. Sofort zieht sich das Feld in die Länge. Die üblichen Verdächtigen formieren sich an der Spitze. Matthias, der Rekordteilnehmer. Die Schmidts auf der Suche nach der direktesten GPS-Route. Christoph, nach dem 24-Stunden-Lauf der Vorwoche gut im Training. Kniffo, der zähe Hund. Clemens, das wandelnde Loipenlexikon.

Die beiden GPS-Jünger verschwinden rechterhand in den Nebenstraßen, der „Rest“ marschiert weiter aufwärts zum Ortsausgang. Rechts führen alte Skispuren über das Feld zur Höhe. Ich kämpfe mit der Folie, mit der ich als Schutz vor dem Klister die Skier umwickelt hatte und die eine haltbare Verbindung mit selbigen eingegangen war.

Zu den Führenden schließe ich am Kammweg auf. Eine alte Loipe existiert, ist aber vom Forst ruiniert worden. Die Reifenspur ermöglicht das Überholen und verhindert in der nachfolgenden Abfahrt leider das Bremsen. Vor einer Kreuztanne kann ich kann den Sturz gerade so vermeiden.

Die Loipe ist nun verdreckt, aber einwandfrei. Ich nehme etwas Tempo raus, und Matthias und Christoph schließen auf. Christoph kennt den Zugang zum Posten: Seine Frau ist dort.

„Zum Gedenken an Oberförster Lenk“, Posten 1, 10.2., 21:36 Uhr

Die Schutzhütte unweit des Gedenksteins hat verglaste Fenster und eine Tür. Das Buffet, das die drei Helfer angerichtet haben, ist unglaublich: Pizzabrötchen, Stollen, Kalter Hund und andere leckere Dinge sowie warmer Tee. Es ist ein Katzenjammer, dass noch keine zehn Kilometer hinter uns liegen. Zu früh zum Verweilen. Hunger verspüre ich auch noch nicht.

Zu fünft, Clemens und Kniffo haben aufgeschlossen, kreuzen wir den verharschten Hang hinab nach Neuhausen. Vorläufiges Ende der Loipe.

Die Schmidts rücken heran und biegen noch im Ort in den Fernwanderweg ein, während wir anderen die Straße in Richtung Schwartenberg hinaufeilen. Wir kommen deutlich schneller voran, wie die beiden Scheinwerferkegel im Tal verraten. Rückblickend schwirren etliche Lichtkegel zwischen Posten 1 und Neuhausen über den Hang, den wir vor einer halben Stunde passierten.

Unterhalb der Dachsbaude drängen wir über ein Feld direkt zur Loipe vor, die sich in gutem, wenngleich schmutzigem Zustand präsentiert. Hinter Bad Einsiedel stoßen wir auf eine frisch präparierte Loipe. Überraschend schnell erreichen wir Deutscheinsiedel, wo Clemens und Kniffo die Fahrt mit harmlosen Stürzen beenden.

Durch Mníšek (Böhmisch Einsiedl) müssen wir die Skier tragen. Noch vor dem Waldrand ist die Straße nach Litvínov (Leutensdorf) wieder mit Skiern befahrbar.

Jeřabina (Haselstein), Posten 2, 10.2., 23:36 Uhr

Gut 200 Meter sind es von der Straße bis zur Schutzhütte auf dem Berg. Wir schnallen die Skier ab und laufen auf einem ausgetretenen Pfad, Neuschnee gab es seit Wochen nicht, zum Posten. Schade, dass Nebel die (vermutlich schöne) Aussicht verhindert.

Zurück an der Straße lockt die alte Skispur, die gegenüber gen Westen zieht. Sie markiert definitiv die kürzeste Verbindung, schneidet jedoch einige Höhenlinien. Wir entscheiden uns daher für die Froststraße, die etwa 300 Meter zurück in Richtung Mníšek abzweigt. Erste „Verfolger“ kommen uns entgegen.

In der Forststraße liegt keine Spur, aber der Forst war durchgefahren und hat zwei inzwischen verwehte Fahrrinnen hinterlassen. Wir wechseln uns beim Spuren ab und nach einer Richtungsänderung wage ich mich die dank des Neuschnees harmlose Abfahrt hinunter. Erfreulich zügig stoßen wir auf die frisch präparierte Skimagistrale.

Der Aufstieg zu den Windrädern von Nová Ves v Horách (Gebirgsneudorf) wirkt, deckungsgleich zu früheren Eindrücken, zermürbend. Durch den Ort bis hinter Mikulovice (Nickelsdorf) tragen wir die Skier, um sie nur kurz anschnallen zu dürfen: Der Forst hatte den nun folgenden Anstieg der Skimagistrale säuberlich vom Schnee befreit.

Später setzt die Loipe ein: zunächst lange ansteigend, dann kurz eben verlaufend und schließlich sanft abfallend. Das GPS navigiert uns zum nächsten Kontrollpunkt.

Alte Schneeschuhspuren, die die Abfahrt holprig gestalten, führen durch einen Hohlweg. Ich visiere rechts und links die Erhöhungen an, um die Geschwindigkeit zu reduzieren. Matthias erwischt eine vereiste Tapse ungünstig, so dass er einen Skibruch erleidet. Nach dem Posten beendet er die Tour und rutscht zurück nach Deutscheinsiedel.

Jezerka (Seeberg), Posten 3, 11.2., 01:50 Uhr

Laut GPS befinden wir uns nahe dem Posten. Eine Markierung existiert nicht, so lotse ich uns zur höchsten Erhebung, auf der sich tatsächlich zwei Granithaufen befinden.

Hier soll ein Gipfelbuch liegen.

Wir beräumen großflächig die Felsen vom Schnee. Ein Buch finden wir nicht (weil wir 50 Meter zu weit nördlich sind). So deponieren wir unsere Karte mit den Ankunftszeiten und folgen unseren Spuren – die Skier meist tragend – hinauf zur Loipe.

Erste „Verfolger“ treffen ein. Nun zu viert (Matthias tritt zwangsläufig den Rückweg an) gleiten wir auf gut gepflegten Loipen, oft signifikant steigend, in Richtung Lesná (Ladung). Clemens’ Ortskenntnis erübrigt die Konsultation der Karte, nur im starken Nebel auf der Hochebene kommt kurz Unsicherheit auf.

Wir entscheiden uns für die südliche Variante.

Die lange, steile Abfahrt muss ein Pistenbully erst vor Stunden entschärft haben. Ich bremse mich an vierter Positionen den Berg hinab, als sich vor mir Christoph links in den Tiefschnee bettet. Nichts passiert. Hilfe lehnt er ab, so rutsche ich die Abhang weiter gen Tal. Am Querweg sehe ich Kniffo und Clemens bereits die nächste Biegung ansteuern. Beim Blick zurück ist Christoph nicht zu sehen.

Ich warte.

Minuten vergehen, dann kommt Kniffo ein Stück zurück, wartet aber in Sichtdistanz. Ich bin drauf und dran, den Berg hinaufzustapfen, als ich endlich am Horizont ein Licht erkenne. Unglaublich langsam tastet sich Christoph den Hang hinab.

Zu dritt benötigen wir eine gewisse Distanz, um zum vorausgeeilten Clemens aufzuschließen. Die Abkürzung vor Kalek (Kallich) ist nicht gespurt, so bleiben wir auf der Loipe, bis diese auf die Straße zwischen Boleboř (Göttersdorf) und Kalek trifft. Am Straßenrand geht es ein Stück leidlich voran, dann beanspruchen Bäume den Platz und zwingen uns zum Laufen.

Vor Kalek erlaubt die harte Kruste die Fahrt über freies Feld. Ab Höhe Kirche laufen wir, mit kurzer Skiunterbrechung, bis Načetín (Natschung).

Oberhalb der Ortschaft rettet uns ein Blick auf das GPS vor einem Verhauer. Ein Stück zurück rutschen wir über das Feld zum richtigen Weg, der sich leider durch Forstarbeiten unmöglich zum Skilaufen eignet. Letzteres funktioniert in einer Abkürzung. Dahinter navigiere ich uns vier nach rechts, bemerke aber bald den Fehler und korrigiere die Richtung.

Čihadlo (Lauschhübel, auch Steinel), Posten 4, 11.2., 05:49 Uhr

Eine zertretene Spur bringt uns bis an den Fuß des Zackens, der Aufstieg ist kurz. Die Karte platziere ich im Gipfelbuch.

Auf der leichten Abfahrt kommen uns die beiden Schmidts entgegen.

Da uns laut Karte nur wenige hundert Meter von der Skimagistrale trennen, halten wir uns nach Süden. Und tatsächlich windet sich eine alte Spur im Zickzack durchs Gehölz. Jenseits der Grenzlinie finden wir die Magistrale vereist und zerlatscht vor. Es geht leicht bergab. Clemens lässt es rutschen, Kniffo folgt nicht minder schnell. Ich nutze die wenigen Passagen mit tieferem Schnee, um das Tempo zu drosseln. Christoph verliert den Anschluss.

An der Straße vor Kühnhaide sammeln wir uns, laufen über die Brücke im Schwarzwassertal und nehmen den Anstieg westlich davon frontal. Die Loipe zieht sich länger als es die Erinnerung verheißt.

Kühnhaide Sportplatz, Posten 5, 11.2., 06:41 Uhr

In der Wanderhütte ist es dunkel. Ich klopfe an die Tür.

Keine Reaktion.

Erneutes, nun energisches Pochen.

Nichts.

Wir schnallen die Skier ab und treten ein.

Halllooooooooooooo!!!

Noch immer keine Reaktion.

Es dauert Minuten, bis die beiden „Helfer“ erwachen. Auch danach bedarf es unseres Ansporns, um sie zur Bewegung anzutreiben. Der eine drückt sich im Schlafsack in die Ecke, der andere hat sichtlich Probleme, Standhaftigkeit zu wahren.

Wir bedienen uns selbst. Die Schmidts kommen und gehen. Wir vier folgen kurz darauf. Schneefall setzt ein.

Ich erhöhe leicht das Tempo. Christoph folgt mühelos, Clemens und Kniffo hängen etwas hinterher. In Reizenhain stellen wir die Schmidts, ich spure nun über das verwehte Feld. Am Ende der Anwohnerstraße warten wir kurz auf Kniffo, der, nachdem Clemens beim Bäcker stoppte, nun allein unterwegs war. Zu dritt kommen wir zügig voran. Selbst am langen Anstieg zum Hirtstein ziehen wir durch.

Jenseits der Grenze präsentiert sich die Forststraße zwar geschoben und vereist, aber der knappe Zentimeter Neuschnee hatte die Bedingungen sichtlich entschärft. Ich lasse die Skier laufen, reduziere nur vor kritischen Passagen das Tempo. Eine längere Fehlstelle umgehe ich rechts des Weges, dann bremse ich dezent in den steileren Abschnitten hinunter zur Talsperre.

Ich hole die Thermoskanne mit dem fast erkalteten Kaffee hervor. Kniffo kommt an. Christoph lässt sich feiern.

Ab nun heißt es laufen. Eine überschaubare Distanz über die Staumauer, dann schier endlos bis zu folgenden Kreuzung. Im weiten Areal vor uns liegt das nächste Ziel: oben auf dem Berg.

Es ist völlig unklar, ob eine bequeme Annäherung über Forstwege möglich ist. Klar ist allerdings, dass hier keine Loipen existieren und Spuren anderer Skiläufer nicht zu erwarten sind. Wir wählen die Straßenvariante – eine Fehleinschätzung.

Oberhalb der vodní nádrž Přísečnice (Talsperre Preßnitz) ist die Straße breit und am Rand ausreichend Raum zum Gehen. Das Verkehrsaufkommen ist noch erträglich. Beides ändert sich ab dem Abzweig nach Kovářská (Schmiedeberg). Die Straße ist eng, der Verkehr stark, der Belag rutschig, das Laufen zermürbend. Gefährlich.

Velký Špičák (Großer Spitzberg, auch Schmiedeberger Spitzberg), Posten 6, 11.2., 12:35 Uhr

Ein Tipi würde am Posten errichtet sein. Mit dieser Information scheint es zwangsläufig, dass die Helfer des Postens den Zugang von der Straße aus gewählt hatten. Demzufolge muss ihr Fahrzeug hier parken.

Ein Fahrzeug finden wir nicht.

Und die beiden Spuren im Schnee, sichtlich älteren Ursprungs und von einzelnen Personen getreten, konnten unmöglich von der Helfern stammen.

Laut GPS haben wir den letztmöglichen Abzweig zum Gipfel bereits passiert.

Ratlosigkeit.

Kniffo telefoniert mit Jörg und der versichert, dass der Posten tatsächlich südlich des Berges existiert. Ich grätsche den steilen Hang hinauf und ziehe eine Spur auf einer Schneise nach Osten. Am Fuß des Gipfelaufbaus stoße ich auf zwei (oder drei?) Schneeschuhspuren – allerdings älteren Datums. Wir schnallen die Skier ab und stapfen den Hang empor. Kniffo, die Skier noch immer an den Füßen, schließt auf und korrigiert Jörgs Angabe: Nördlich würden wir fündig werden.

Kniffo entschwindet im Unterholz, während Christoph und ich immer wieder im Tiefschnee versinken. Wir entscheiden uns zur Umkehr und just als wir unsere deponierten Skier erreichen, verkündet Kniffo das erfolgreiche Ende der Suche.

15 Minuten später treten Christoph und ich ein ins durch einen Holzhofen beheizte (dennoch nicht warme) Tipi, das die Thüringer Betreuer aus Zeltbahnen und vor Ort geschlagenen Baumstämmen errichtet hatten. Die beiden Schmidts, von Norden her über einen befahrenen Forstweg angelaufen, haben vor uns (aber nach Kniffo) den Posten erreicht. Clemens schließt wenig später auf.

Die Antwort auf das Rätsel der Zufahrt zum Posten lautete: Geländewagen. Der gewählte Zugang erfolgte deutlich vor dem Berg über den gelb markierten Wanderweg. Das Fahrzeug parkt, von der Straße aus nicht sichtbar, irgendwo auf dem Forstweg, nachdem man sich im Schnee festgefahren und mittels Seilwinde wieder befreit hatte.

Die Schmidts ziehen bald von dannen. Wir anderen vier benötigen länger, um uns aus der Lethargie zu lösen.

Südwestlich geht es über eine vom Forst planierte Schneise hinab zur Straße und parallel zu dieser nach Westen. Die Spur, die die beiden Vorläufer jenseits der Straße nach Süden gezogen hatten, ist nicht zu verfehlen. So nutzen auch wir die Schneise, die uns unerwartet schnell zur Bahntrasse bringt.

Züge schienen auf der Linie schon seit geraumer Zeit nicht mehr zu verkehren, so folgen wir der brauchbaren Skispur auf den Gleisen weiter nach Westen bis zur Kreuzung mit der Straße von Kovářská nach Horní Halže (Oberhals).

Frische Skidoo-Spuren führen südlich des Bahndamms über freies Feld zum Wald hin. Wir nutzen diese und erreichen eine wasserführende Senke, hinter welcher der Weg an Steilheit zulegt und sich zunehmend nach Süden wendet. Es ist die in der Karte als Skiwanderweg ausgezeichnete Strecke, aber umgestürzte Bäume sind untrügliches ein Zeugnis, dass der Wunsch nach einer Skitrasse nie Realität wurde.

Nach zermürbendem Anstieg erreichen wir die Skimagistrale westlich von Horní Halže und laufen kurz darauf auf die beiden Schmidts auf, die die Laufvariante über die Straße nach Horní Halže gewählt hatten und damit offensichtlich ähnlich schnell unterwegs waren.

Auf der bestens präparierten und mehrere Meter breiten Loipe ist mir das Tempo der Truppe zu langsam. So recht scheue ich, den „Rest“ allein zu absolvieren, zumal die letzte Etappe völliges Neuland wäre und die nahende Nacht erschwerte Orientierung bedeuten würde. Also vertreibe ich mir die Zeit mit Pendeln. Einige hundert Meter vor und wieder zurück. Vor und zurück …

Die Nordumfahrung über die Skipisten des Keilbergs findet wenig Anklang, zu strapaziös mutet der Anstieg an. Ein Zeitgewinn gegenüber der Straßenvariante scheint zudem unrealistisch.

Familie Schmidt klinkt sich am přístřešek pod Meluzínou (der Hütte Hütte unterm Wirbelstein) aus – Verpflegungspause. Clemens lechzt schon länger nach Kalorien und schwenkt am Ende der Loipe in den Windschatten eines Hauses ab. Kniffo tut es ihm gleich. Ich überrede Christoph zum Weiterlaufen. Meter machen. So viele wie möglich noch vor Einbruch der Nacht.

Der üble Rückreiseverkehr der Alpinen treibt zur Eile an. Nur runter von dieser bescheidenen Straße. Aber drei Kilometer sind drei Kilometer, und zu Fuß bergan geht es nur schwerlich voran. Eisplatten am Straßenrand leiten uns zur Mitte. Die nächste Fahrzeugkolonne drängt uns zurück.

Endlich der Abzweig zum Gipfel!

Rechts steigen wir auf die Wächte, schnallen die Skier an und nach kurzer Sichtung der Karte rutschen wir den seichten Abhang hinunter, bis die Loipe an der Grenze nach rechts zieht. Nach erneutem Blick auf die Karte folgen wir dieser und erspähen linkerhand den Posten.

Trojmezný historický hraniční kámen (Dreiherrenstein, auch Wappenstein), Posten 7, 11.2., 16:40 Uhr

Ein Stein: dreiseitig, knapp einen Meter hoch und auf jeder Seite prangt ein Wappen. Bei Neuschnee wäre er wohl trotz der 30 Meter entfernten Ausschilderung leicht zu verfehlen gewesen.

Wir hinterlegen eine Karte mit unserer Ankunftszeit (und ich widerstehe der Versuchung der gelben Markierung), kehren zurück zur nahen Loipe und fahren diese anfangs leicht abfallend nach Osten, nun rasant an Steilheit zunehmend gen Norden. Christoph wird langsamer, obwohl das Gelände das Bremsen zunehmend erschwert. An der Loipenkreuzung wirkt der linke Abzweig weniger steil, aber auch dort herrscht alpines Flair mit Passagen, die Abfahrtspisten zur schwarzen Farbe verhelfen würden.

Christoph ist weg.

Ich warte und stemme mich letztlich gegen den Berg, als er doch noch am oberen Ende des (relativen) Flachstücks im Schneepflug auftaucht. Als er aufschließt, stelle ich mich in die Spur und habe gleich wieder einen bedeutenden Abstand zwischen uns gelegt. Wenigstens ist die Abfahrt bald zu Ende.

Die letzten Meter zum Grenzübergang tragen wir die Skier durch Loučná pod Klínovcem (Böhmisch Wiesenthal). Auf der anderen Seite entscheiden wir uns rasch für den Neudorfer Skiwanderweg (da wir glauben, diesen zu kennen) und stapfen die steile Straße zum Startareal der Skiloipen hinauf.

Die Nacht ist inzwischen unser Begleiter.

Im Stirnlampenschein nutzen wir die Eric-Frenzel-Loipe bis zum Waldeck. Anstatt den Kreuzbrückfelsen rechts auf der Loipe zu umfahren, wählen wir die direkte Schneise hinauf. Leider ist die gegenseitige Abfahrt restlos durch Fußgänger ruiniert worden. Im steilen Harsch ist das Tragen der Latten somit obligatorisch.

800 Meter weiter nördlich stoßen wir auf den kreuzenden Kammweg, dessen schmutzige Loipe – es hat seit Wochen nicht mehr geschneit – fahrbar erscheint.

Mehr schlecht als recht stolpern wir hinunter, bis endlich der Skiwanderweg erreicht ist. Die Spur ist hier akzeptabel, so dass ich die Skier laufen lasse, und selbst Christoph, dessen Stirnlampe eine dürftige Funzel ist, folgt in Schlagdistanz.

Kretscham-Rothensehma umfahren wir rechts, erst steil bergan, dann die S 266 und die Schmalspurbahn querend, zuletzt in einem Linksbogen hinüber zur Torfstraße, die wir leider vom Schnee beräumt vorfinden. Am Rand und sogar im nebenliegenden Graben nutze ich die weißen Flecken. Christoph schont die Skier und fällt erneut zurück.

Der Feuerturmweg lockt mit weißem Überzug, aber leider reicht dieser nur bis nach der Kuppe.

Bis Ortsrand Bärenstein tragen wir die Skier.

Unmittelbar rechts der Straße ist eine Loipe präpariert. Die ständige Unterbrechung durch Einfahrten nervt. Ich bin es leid, die Skier ständig ab- und anzuschnallen, und stapfe vorsichtigst über den Asphalt. Kurz geht es links, dann wieder rechts der Straße weiter. Über freies Feld zieht die miese Spur in weitem Linksbogen aufwärts, bis jenseits der Anhöhe sich endlich der Berg Bärenstein ins Blickfeld schiebt.

Zwei Stirnlampen wandern über den Hang. Bis wir ihn erreichen, sind die Lichter entschwunden und wir laufen die Auffahrt zum Gipfel, die den Bärenstein fast vollständig umrundet.

Berg Bärenstein, Posten 8, 11.2., 19:55 Uhr

Im Bergrestaurant herrscht hoher Andrang. Wir suchen nach der Karte unser vermeintlichen Vorgänger und finden nichts. Da eine Horde Raucher den Eingang blockiert, klemmen wir unsere Nachricht an den Glaskasten mit der Speisekarte.

Laut Karte verspricht der steile Abstieg über den Südhang eine erhebliche Abkürzung. Aber Christoph lehnt diesen strikt ab, und so stolpern wir die Straße zurück. Unten kommen uns Clemens und Kniffo entgegen, sie laufen aufwärts, wir schnallen die Skier an, und ich kreuze sofort den seichten, aber unangenehm verharschten Hang westlich um den Berg herum.

Christoph fällt zurück.

An der Waldkante warte ich. Nun geht es leicht aufwärts am Südfuß vorüber, bis eine kurze Abfahrt auf freies Feld führt. Christoph trägt die Skier, ich lege mich in den Schnee.

Obwohl die Neigung gering ist, rutscht es unangenehm rasant in Richtung B 95. Parallel zu dieser halten wir uns an die Skidoo-Spuren, die über eine kleine Anhöhe ziehen. An einer Kreuzung endet die Fahrt und wir nutzen das notwendige Abschnallen der Latten zur Überquerung der Bundesstraße und halten jenseits dieser auf die Lichter von Kühberg zu.

Während ich eine Fahrt entlang der Waldkante in südliche Richtung favorisiere, setzt sich Christoph mit seinem Wanderweg-Wanderwunsch durch – ich scheue den Sologang in unbekanntem Terrain.

Durch den Ort tragen wir die Skier, bis der abgehende Wanderweg (gelbe Markierung) sich so perfekt mit Schnee präpariert zeigt, dass selbst Christoph auf die Skier steigt.

Das Vergnügen währt nur kurz. Im Wald geht es abwärts und die Schneeauflage wird bedenklich dünn. Wir nehmen bald die Skier in die Hand.

An der Bahnlinie setze ich mich durch und wir nutzen die ausreichende Schneedecke auf dem Gleis, um nach Süden vorzudringen.

Der auf der Talseite deutlich erhöhte Damm verhindert lange Zeit den Abstieg, erst am Waldrand auf Höhe Skilift gelangen wir zum Fuß. Die Abfahrtspiste ist verharscht, so dass wir den steilen Beginn im Wald umgehen, wo der Schnee weicher und das Laufen einfacher ist.

Auf halber Hanghöhe endet die bewaldete Zunge und Christoph läuft über die Piste. Ich stelle mich auf die schmalen Latten und schwinge in weit ausladenden Zügen hinunter. Im Auslauf queren wir den Hang, bis ein zunehmend steiler werdender Weg zu den ersten Häusern von Königswalde führt.

Feierabend für die Skier. Nachtschicht für die Füße.

Gefühlt endlos ziehen sich die drei Kilometer in die Länge, die wir auf der im Tal verlaufenden Straße zu absolvieren haben, bis endlich links die Ausschilderung den letzten Abschnitt ankündigt.

Die Alte Geyersdorfer Straße zieht jenseits des Pöhlbachs in die Höhe, passiert die letzten Häuser von Königswalde und verliert sich hinter der Agrargenossenschaft als schmaler Weg, auf dem, ein Stück voran, zwei Stirnlampen über den Hang schleichen.

Wir holen sichtlich auf, obwohl der glatte Untergrund den Schritt hemmt. Am Schlusshang hinauf zur Kaue „St.-Briccius-Stolln“ schließe ich auf.

Staunen.

Es sind Clemens und Kniffo, die mittels Hangquerung auf Skiern deutlich weniger Zeit für die abschließende Etappe benötigten als wir.

St.-Briccius-Stolln am Pöhlberg, Ziel, 11.2., 22:38 Uhr

Zu viert erreichen wir das Ziel und sind damit die ersten, die nach der kompletten Distanz hier eintreffen.

Zwei Kandidaten wählten ab vorletztem Posten (Velký Špičák) den kürzesten Weg zum Pöhlberg und sparten damit knapp 30 Kilometer; Angela Werner ließ sich nach Sturz (mit deutlicher Schramme im Gesicht) unterwegs abholen.

In der urigen Kaue lassen wir uns von den Betreuern verwöhnen.

Nach einigen Sportgetränken versuche ich, nach Mitternacht etwas Schlaf zu finden …

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